
Nicht nur Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren anwesend, auch zahlreiche interessierte Zeitungs-und MagazinmacherInnen und eine Gruppe Studierender und Dozenten der Freien Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst aus Freiburg i. Br. kamen nach Bern. Neben dem Rahmenprogramm gab es viel Raum für Begegnungen und informelle Gespräche und auch für das leibliche Wohl war stets gesorgt.
Beherbergt wurde die Veranstaltung vom Verlag der Berner Zeitung und von der HKB Hochschule der Künste Bern, die dankenswerter Weise dem SND/DACH für die Ausstellung «The World’s Best-Designed Newspapers» Ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellten.
Begrüssung im Verlagshaus der Berner Zeitung. Von links nach rechts: Stefan Knapp und Michael Adams von SND/DACH und Michael Hug, Chefredaktor der Berner Zeitung. (Foto: Daniel Barben)
Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des Programms:
PROJEKT LOKALFOTOGRAFIE
Den
Auftakt der Veranstaltung am Freitagnachmittag bildete das Projekt
Lokalfotografie, das von Melody Gygax, Bildredaktorin bei der «Basler
Zeitung» koordiniert und präsentiert wurde. Vier FotografInnen mit
unterschiedlichem beruflichen Hintergrund erhielten folgendes Briefing:
«Rüschegg feiert am Wochenende das 150-jährige Bestehen der Gemeinde.
Die Feier beginnt am Freitag mit einem Schulumzug durch das Dorf. Da
der Dorfbach in Rüschegg vor kurzem über die Ufer getreten ist, werden
wir den Fokus auf die Unwetterfolgen legen. Wie lässt sich in dieser
Umgebung feiern?» Diesen Auftrag galt es bis zum Abend fotografisch
umzusetzen. Am Samstagmorgen wurden die Ergebnisse auf einer Seite in
der Berner Zeitung druckfrisch präsentiert und die FotografInnen hatten Gelegenheit, ihre Arbeit zu erläutern. Daraus entstand eine
interessante Diskussion mit dem Publikum über Fotografie im Umfeld der
Zeitungsproduktion. Folgende FotografInnen haben sich an diesem
Experiment beteiligt:
Die Seite in der Samstagsausgabe der Berner Zeitung.
VORTRAG «VISUAL ESSAY»
Der
zweite Programmpunkt drehte sich um die Illustration und ihren
Stellenwert innerhalb des Journalismus. Pierre Thomé, Leiter der
Studienrichtung Illustration an der HSLU Hochschule für Design &
Kunst Luzern, brachte das Thema dem Publikum anhand vieler
Bildbeispiele näher und zeigte dabei die vielfältigen Möglichkeiten der
Illustration auf. Er spannte den Bogen vom 19. Jahrhundert, als die
Illustration noch die einzige Möglichkeit der Bebilderung von
Geschichten war, bis hin zur heutigen Anwendung der Illustration in
Magazinen und Zeitungen. Yves Nussbaum, freischaffender Illustrator und
Dozent an der HSLU, gab uns einen Einblick in das Unterrichtsmodul
Visual Essay, das ein fester Bestandteil des Studiums Illustration
darstellt. In einem vierwöchigen Projekt setzen sich die Studierenden
journalistisch und illustrativ mit einem Thema auseinander und
entwickeln daraus eine Publikation.
Yves Nussbaum (links) und Pierre Thomé (rechts) über Illustration. (Foto: Raimar Heber)
ZEITUNG IM INTERNET
Der
nächste Referent Christoph Lüscher, Mitinhaber der Webdesignfirma iA
Information Architects, richtete den Fokus auf die digitalen Medien und
berichtete humorvoll und anschaulich über seine Arbeit als Webdesigner.
Im Besonderen thematisierte er das erst kürzlich erschienene iPad von
Apple, das, so prophezeit er, unsere Lesegewohnheiten verändern und die
Computermaus zum Aussterben bringen wird. Wie stark der technische
Fortschritt die Medien sowie den Medienkonsum beeinflusst,
verdeutlichte er am Beispiel einer Ansicht der NZZ-Homepage aus dem
Jahr 1996. Die Technik beeinflusst auch die Mediengestaltung, was nicht
immer in überzeugenden Ergebnissen resultiert. Christoph Lüscher setzt
sich ein für eine klare und zielgerichtete Gestaltung und warnt vor dem
Einsatz von zu vielen Metaphern, die der digitalen Interaktion meist
eher entgegenwirken und der Information im Wege stehen. Welche
Auswirkung die Errungenschaften der digitalen Technologie für die
gedruckte Zeitung haben, und wie die Verlage sich diese Technik zunutze
machen können, waren am Schluss des Vortrags die Hauptdiskussionspunkte
im Publikum.
Christoph Lüscher von iA Information Architects. (Foto: Daniel Barben)
DESIGNGESPRÄCH
Nach
einer kurzen Pause betraten Ruedi Baur und Gerrit Terstiege die Bühne.
Ruedi Baur ist Designprofessor an der ZHDK Hochschule der Künste Zürich
und Mitinhaber von «Intégral, Ruedi Baur et Associés Paris» und stand
Gerrit Terstiege, Chefredaktor des Designmagazins «Form» Rede und
Antwort zu verschiedenen Fragen über Design und Orientierung. «The
delicious flavour of getting lost» stand als einleitender Satz über
ihrer Unterhaltung. Sind wir überinformiert? Überorientiert? Kommt uns
so das Gefühl für Raum und Zeit abhanden? Ruedi Baur plädiert als
Gestalter von Orientierungssystemen dafür, dass man sich gelegentlich
auch verirren dürfen müsse. In diesem Spannungsfeld von Struktur
schaffen und Struktur loslassen sucht er als Gestalter seine Richtung.
Es ist viel die Rede von Ideologie: Ideologie der Orientierung,
Ideologie der Flexibilität, Ideologie des Marketings, Ideologie des
Brandings. Ruedi Baur möchte sich nicht von Ideologien leiten lassen
und versucht bei jedem Projekt den Kontext einzubeziehen und
individuell angepasste Lösungen zu finden. Dabei ist es ihm wichtig,
keinen formalen Stil zu pflegen, sondern immerzu neue und
unkonventionelle Wege zu beschreiten. Auf die Frage nach seinem Bezug
zur Zeitung outet sich Ruedi Baur als regelmässiger Leser verschiedener
internationaler Zeitungen. Er stellt fest, dass immer weniger Zeitungen
über die Kioske vertrieben werden, was er als ein grosses Problem für
die Pressevielfalt betrachtet. Bei der Zeitungsgestaltung ist ihm in
erster Linie die Funktionalität, die Lesbarkeit, wichtig.
Ruedi Baur (links) im Gespräch mit Gerrit Terstiege (rechts). (Foto: Daniel Barben)
PODIUMSDISKUSSION
Anschliessend
fand sich eine Runde von Medienvertretern zu einer Podiumsdiskussion
zusammen, die von Michael Adams (Country Coordinator Switzerland
SND/DACH) moderiert wurde:
Max Trossmann, Publizist und Journalist
Brigitte Meyer, Art Direktorin bei der NZZ
Daniel Stähli, Gestalter des neuen Tagesanzeiger-Konzeptes
Anita Pascarella, Teamleitung Gestaltung beim Bund
Ausgangspunkt
der Diskussion waren vier Tageszeitungs-Redesigns im vergangenen
Herbst. Der Tagesanzeiger, die NZZ, der Bund und der Blick erhielten
fast zeitgleich ein neues Gewand. Michael Adams befragte die Runde zu
den Hintergründen und Zielen der Relaunches. Es wurde auch über die
Ergebnisse diskutiert, wobei klar wurde, dass die Meinungen hier stark
auseinander gingen. Ein wichtiger Diskussionspunkt war die
Ressourcenfrage und wie die Verlage versuchen, mit dieser Problematik
umzugehen. Kooperationen und das Nutzen von Synergien scheint überall
ein Trend zu sein – die Umsetzung im Alltag allerdings ist nicht immer
einfach.
Im Vordergund: Tagesanzeiger, NZZ und Der Bund – 3 Tageszeitungen, die im Herbst 2009 einen Relaunch durchlaufen haben. (Foto: Daniel Barben)
Auf dem Podium von links nach rechts: Max Trossmann, Brigitte Meyer, Michael Adams, Daniel Stähli und Anita Pascarella. (Foto: Daniel Barben)
AUSKLANG UND ABEND
Anschliessend gab es eine Führung durch das Medienhaus der Berner Zeitung, wo auch die Redaktionen von Bund, TeleBärn und Radio Capital FM untergebracht sind. Zum Abschluss liess man den intensiven und lehrreichen Nachmittag mit einem schönen Nachtessen im Restaurant Rosengarten ausklingen, wo noch bis spät in die Nacht diskutiert und gefeiert wurde.
AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG AM SAMSTAG
Nach
der Präsentation und Diskussion des Projektes Lokalfotografie am
Samstag Morgen (siehe oben) begab man sich in die HKB Hochschule der
Künste Bern zur Ausstellungseröffnung von «The World’s Best-Designed
Newspapers». Drei Zeitungen wurden vom SND in der Top-Kategorie «Worlds
Best-Designed» ausgezeichnet: The New York Times, der Freitag und die
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Davon gab es ein paar
ausgewählte Originalseiten zu besichtigen. Einen spannenden Einblick
hinter die Kulissen des Wettbewerbs gab zudem Raimar Heber (Country
Coordinator Germany SND/DACH), der dieses Jahr als Mitglied der Jury
nach Syracuse/USA berufen worden war.
Ausstellung «The Worlds Best Designed Newspapers» an der HKB Bern. (Foto: Stefan Beckmann)
DANK
Ein
besonderer Dank geht an die Berner Zeitung und an die HKB Hochschule
der Künste, die dem SND/DACH ihre Infrastruktur zur Verfügung gestellt
haben. Vielen herzlichen Dank an alle, die mit ihrem Engagement
mitgeholfen haben, diese Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Und
nicht zuletzt ein grosses Dankeschön an alle, die den weiten Weg auf
sich genommen haben und den Anlass mit ihrer Anwesenheit bereichert
haben.
7. Juli 2010, Evelyn Mörgeli