Von falschen Lokomotiven und unproportionierten Dackeln

 

Raimar Hebers anschauliche und humorvolle Einführung in die Welt der Infografik

 

Raimar Heber, Art Director bei der dpa-Infografik, hat ein überaus anschauliches Handbuch zur Infografik geschrieben. Es ist sowohl für Profis interessant als auch für semiprofessionelle Anwender wie Journalisten. Raimar Heber verzichtet auf jeden Insider-Sprech – seine Erklärungen sind auf Anhieb verständlich. Dass der Humor dabei nicht zu kurz kommt, macht diese Einführung in ein hochkomplexes Feld umso empfehlenswerter. Im Interview erklärt der 59 Jahre alte Buchautor unter anderem, was eine gute Infografik ausmacht, was häufig falsch gemacht wird und warum Geschichtenerzählen so wichtig ist.

An wen richtet sich das Buch?


Ich würde sagen, ganz allgemein an Menschen, die kommunizieren oder kommunizieren wollen. Und eventuell an die Grenzen ihres Mediums stoßen und sehen:  Nur mit Text wird es schwierig, und ein Foto allein bringt es nicht.

Was war der Auslöser dafür, wie bist Du auf die Idee gekommen, es zu schreiben?

Ich habe eine geradezu obsessive Angst, etwas durcheinander zu bringen oder zu vergessen. Um dem vorzubeugen, ist mein Schreibtisch zum Beispiel immer sehr aufgeräumt. Ich hatte aber auch Angst, die vielen Erfahrungen, Beispiele und Tipps die ich über die Jahre gesammelt habe,  zu verlieren oder nicht zur Hand zu haben, wenn ich sie brauche. Als dann der Anruf vom Verlag kam mit dem Vorschlag, ein Buch zu schreiben, dachte ich mir: Das ist die Gelegenheit! Ich schreibe alles auf, und dann kann es nie mehr wegkommen.

 

Interessant fand ich, dass es Vorläufer von Infografiken schon vor Hunderten von Jahren gegeben hat.

 

Oh ja! Oft, wenn eine Brücke gebaut, ein Obelisk aufgestellt oder ein Verbrecher auf dem Marktplatz zu Tode gefoltert wurde, gab es Menschen, kreative Menschen, die versucht haben, das Geschehen festzuhalten, zu skizzieren, zu vervielfältigen und es gewinnbringend zu verkaufen. Das war schon vor dem Buchdruck so. Im Grunde gab es immer einen Bedarf an Informationen. Und dass Informationen, gestützt durch Grafiken, besser, eindrucksvoller, schauriger … wie auch immer verstanden werden, wusste man schon immer.

 

Warum sind Infografiken eigentlich heute so wichtig geworden?

 

Weil sie dem generellen Trend zur schnellen, portionierten und aufbereiteten Aufnahme folgen. Hinzu kommt: Daten, die mit Infografiken vermittelt werden, bleiben visuell im Gedächtnis. Ein Text bleibt eventuell auch im Gedächtnis, aber nicht visuell. Es bleibt kein Bild hängen.

 

Ganz kurz: Was sind für Dich die wichtigsten Kennzeichen einer guten Infografik?

 

Die Infografik soll klar, leserlich und eindeutig sein. Im Idealfall kommen noch ein Aha-Effekt und ein Schmunzeln dazu. Das ist aber schon sehr viel verlangt.

 

Was sind häufig vorkommende Fehler?

 

Es wird zu viel Wissen beim Leser, Betrachter oder User vorausgesetzt. Begriffe – so etwas wie SKE für Steinkohleeinheit –  werden nicht erklärt. Bei Zahlenreihen wird die Skala vergessen. Bei Illustrationen fehlt eine Maßstab, zum Beispiel ein Mensch oder der Kölner Dom daneben.

 

Es wird häufig zuviel vorausgesetzt, oder?

 

Ja, genau. Wir Infografiker sind im Thema, arbeiten uns manchmal schon seit Wochen daran ab – und vergessen, dass das bei anderen nicht der Fall ist. Ein gutes Beispiel ist der Krim-Konflikt.  Da denkt man sich dann, na ja, nach so langer Zeit weiß bestimmt jeder, wo die Krim liegt, wer da beteiligt ist etc. Aber das ist eben nicht so. Wir wissen nicht, wann und mit welchem Vorrat an Infos der Leser bei uns einsteigt.

 

Du schreibst, eine Infografik erzähle auch immer eine Geschichte. Was meinst Du damit?

 

Ich meine damit das Einordnen. Das Einbetten in ein Narrativ. Konkretes Beispiel: Der Goldpreis ist hochgegangen. Wow, das ist eine Nachricht. Diese Nachricht kann aber durch eine Infografik relativiert werden. Eine Infografik zum Beispiel, die den Verlauf der letzten fünf Jahre zeigt. Dann kann man sehen: Ja, er ist etwas hochgegangen, aber eigentlich dümpelt er eher auf niedrigem Niveau, wenn man es auf längere Sicht betrachtet.

 

Welche Art von Infografik magst Du persönlich besonders gern?

 

Infografiken, die überraschen, die unvermutete Zusammenhänge aufzeigen oder die einordnen. Zum Beispiel die Syrien-Grafiken, in denen die Einflussgebiete verschiedener Akteure im Kriegsgeschehen dargestellt werden. Da tummeln sich alle mehr oder weniger auf denselben Flecken. Und dann ist die Meldung: 90 Prozent des Landes sind von Akteur X kontrolliert. Ich schaue auf die Karte und denke: Das sind doch keine 90 Prozent! Die Auflösung:  Der Rest ist Wüste, da ist keiner. Da gibt es nichts zu kontrollieren. So was mag ich: Grafiken, die helfen, etwas zu verstehen.

 

Fehlerhafte Infografiken können Leute im Extremfall richtig verärgern. Du erzählst im Buch ein sehr lustiges Beispiel, das Du mit Deinen Schwiegereltern im Baumarkt erlebt hast – Stichwort Dackel.

 

Ja, die haben sich da einmal in der Tiernahrungsabteilung furchtbar über die Darstellung eines Dackels aufgeregt, bei dem die Proportionen ihrer Meinung nach verzerrt waren. Und dann dort nichts gekauft haben. Ich habe noch mehr von solchen Geschichten: Einmal hatte ich Zahlen zu Pendlern zu visualisieren. Wer wie weit zur Arbeit pendelt und mit welchem Transportmittel. Die Idee war, die Daten in zwei Torten zu packen. Und weil sie so schön handlich waren, habe ich diese Torten als Räder einer Elektrolok dargestellt. War ja auch nahe liegend: Die meisten Pendler nutzten die Regionalbahn. Im Hintergrund der Tortengrafik war also eine Elektrolok andeutungsweise gezeichnet. Daraufhin bekam ich einen Brief: Der Leser fand die Idee zwar gut, merkte aber an, es handele sich offenbar um eine Lok des Typs HLE18/19, und wenn dem so sei, dann wären da aber leider die Lüftungsschlitze nicht an der richtigen Stelle. Ob ich das bitte korrigieren könnte? Daran sieht man: Es gibt immer Leute, die ganz genau hinschauen.

 

In einigen Bereichen geht die Arbeit eines Infografikers ja schon fast ins Künstlerische, etwa wenn es um die Darstellung von Menschen oder von Schatten geht. Das fand ich sehr faszinierend.

 

Ja. Und bei all dem muss ich zugeben: Auch Kollegen, die keine klassische Design-Ausbildung durchlaufen haben, machen hervorragende Infografiken.

 

Was ist für Dich das Schönste an Deinem Beruf?

 

Dass ich fast jeden Tag auf dem Heimweg sagen kann: Das war heute aber besonders interessant! Das war mir neu!


Christoph Driessen, 2016

Dr. Christoph Driessen (49) arbeitet für die Deutsche Presse-Agentur in Köln. Zuvor war er viele Jahre Auslandskorrespondent, unter anderem in London und New York. Er ist Autor mehrerer Sachbücher über historische und kunsthistorische Themen, darunter "Geschichte der Niederlande" und "Rembrandt und die Frauen".

Foto: Franziska Gabbert, 2016