Der Döner in der Sprühdose – und andere sinnliche Design-Erfahrungen

Der Döner in der Sprühdose – und andere sinnliche Design-Erfahrungen

Der Januar-Stammtisch der Society for News Design in Berlin widmete sich dem Thema «Informationen und fünf Sinne». Die Besucher erfuhren alles über das Design der perfekten Pilzsuppe, warum Töne im Informationsbereich völlig unterschätzt werden und wie man den Geschmack eines Döners kondensiert.

Der Weg zur Erleuchtung führt durch die Dunkelheit. Der Januar-Stammtisch der Society for News Design in Berlin fand für einmal nicht bei der dpa statt, sondern in den Räumen der Agentur KAMA an der Hermannstrasse. Wer an der Location eintraf, begab sich zuerst durch ein grosses Tor, dann durch einen dunklen Innenhof, durchquerte ein erstes Gebäude, schritt durch einen noch dunkleren Innenhof, erklomm eine Treppe und hatte es dann in die Räume der KAMA geschafft. Dort waren die Gastgeberinnen Katharina Stipp und Sarah-Sophie Heißner emsig damit beschäftigt, weitere Sitzgelegenheiten zu organisieren – kamen doch um die 40 Besucherinnen und Besucher an den Event, und damit weit mehr als ursprünglich erwartet.

Das Motto– fünf Sinne – war gegeben, auch der Ablauf des Abends war festgelegt, und zwar nach dem Pecha-Kucha-Prinzip: Sechs Kurzvorträge, pro Vortrag 20 Folien, pro Folie 20 Sekunden – macht also genau 6 Minuten und 40 Sekunden pro Vortrag. Um das Prinzip auch in diesem Beitrag aufzunehmen, gibt’s nun pro Referenten 600 Zeichen (jedenfalls plus/minus):

Als erstes trat Dirk Aschoff, Creative Director von C3, vors Publikum und widmete sich dem Sinn «Hören». Wie kann man das visuelle mit Tönen in Verbindung bringen? Aschoff, selber auch Musiker, zeigte, dass es an dieser Schnittstelle unerwartetes zu entdecken gab. Angefangen beim Design von Instrumenten, das schon vor tausenden von Jahren vorgab, wie etwa eine Trompete heute aussieht (Aschoff: «Schon damals kannte man das Prinzip form follows function»). Es folgte dann ein Beispiel, wie man eine Weltkarte in Midi-Töne umsetzen kann – und ein Kunstwerk in einer Berliner U-Bahn-Station, das Musik visualisiert, aber bei dem bis heute niemand herausgefunden hat, welche Art Musik hier das Thema ist. Aschoff selber hat versucht, das zu recherchieren, konnte die Künstlerin aber nicht ausfindig machen.

Weiter gings mit Cetin Demirci, ebenfalls von C3. «Auch übers Gehör kann man Informationen vermitteln», sagte Demirci, allerdings seien sich das viele Informationsanbieter gar nicht bewusst. «Auditive Information» nennt sich das Fachgebiet. Demirci zeigte ein Beispiel, in dem die BBC sinkende Währungskurse hörbar dargestellt hat – im Beitrag «The sound of a falling currency». Schliesslich sprach Demirci noch an, dass die meisten Firmen den Bereich des «Audio Branding» vernachlässigten. Man buttere viel Geld in ein grafisches Logo, vergesse aber, dass man – etwa für den Videobereich – sein Logo auch hörbar machen muss. Als Musterbeispiel nannte Demirci die Deutsche Telekom – «ich muss ja nur die Telekom erwähnen, und jeder weiss hier drin, wie das Logo akustisch klingt».

Als nächstes waren dann die Nasen der Teilnehmer gefragt. Mareike Bode und ihre Kollegin Ola vom Scent Club Berlin nahmen die Besucher mit auf eine olfaktorische Reise. Es wurden Duftsäckchen verteilt, man war eingeladen, eine Nase voll zu nehmen und den Duft zu erraten. Koriander, Rosmarin, Zitronengras, Karottensamen – 40 Düfte kursierten im Raum. Danach zeigten Mareike und Ola, wie sie Düfte destillieren, um sie erfahrbar zu machen. Eine Methode, die sich sogar zum Daten eignet: Für ein Projekt hat der Scent Club Schweissspuren von paarungswilligen Menschen genommen, liess dann das jeweils andere Geschlecht daran schnüffeln, und wenn es eine Übereinstimmung gab, ergo sich zwei Menschen gut riechen konnten, wurden die beiden Personen zusammengeführt. «Das war jedenfalls ein lustiger Abend», so Mareike. Die danach auch noch erklärte, wie man den Duft eines Döners in eine Sprühdose bringt – «den Döner Abschaben und zermantschen, bis er die richtige Konsistenz hat».

Die Sinnesreise ging weiter mit Kathleen Barth, Consumer Insights Technologist beim Konsumgüterhersteller Unilever. Sie ist dort für den Produktebereich «Knorr» zuständig und hat anhand einer Pilzsuppe gezeigt, wie man diese geschmacklich auf die Bedürfnisse der Kundschaft abstimmt. Man nehme also Probanden, trainiere ihre Geschmackssinne auf die Inhaltstoffe der Pilzsuppe, lasse sie die Suppe kosten, bitte sie darum, festzuhalten, welchen Inhaltsstoff sie wie stark spüren – und visualisiere das anhand einer Grafik. Diese dient dann unter anderem dazu, das eigene Produkt mit der Konkurrenz abzugleichen. Das alles ist jetzt hier extrem vereinfacht dargestellt, zeigte aber, dass sich auch Lebensmittel «designen» lassen. Für nicht wenige Teilnehmer war der Aha-Effekt immens; und die Fragerunde zeigte, dass das Thema auf enormes Interesse stieß.


Nach der Suppe war eine Reise in die virtuelle Welt angesagt: Nico Nonne, Geschäftsführer bei «Trotzkind», einem Studio für Virtual Reality, Augmendet Reality, Games and Film, trat vor das Publikum. Er gab Einblick in die Entwicklung des VR-Spiels «Huxley», einem «Room-Escape-Game». Das Spiel wurde von einem Team mit nur 20 Personen entwickelt; kaufen kann man es nicht, aber live können bis zu acht Personen gegeneinander antreten. Wie war es möglich, ein solch aufwendiges Spiel mit einem so kleinen Team zu realisieren? «Indem wir uns klare Leitlinien gegeben haben», sagt Nonne: «So haben wir etwa zu Beginn festgelegt, mit welcher VR-Brille wir das Spiel realisieren wollen und haben uns dann auch daran gehalten».

Nach der virtuellen Welt kam wieder etwas Handfesteres: Raimar Heber, Art Director bei der dpa-infografik GmbH und Country-Coordinator der Society for News Design in Deutschland, hat den Tastsinn des Publikums aktiviert. Einerseits mit kleinen Plateaus, auf denen es verschiedene Materialien zu fühlen gab; zu jedem Material gab es dann aber auch eine passende Audio-Einspielung, und die Besucher mussten erraten, welches Sound-Häppchen zu welchem Material passt. Ebenfalls hatte Raimar seine «Fummelboxen» (Eigenbezeichnung) mitgebracht: Kisten, konzipiert für sehende Menschen, die durch das Betasten des Inhalts dieser Kisten erfahren können, wie blinde Menschen Informationen erfühlen. Wer das ausprobieren wollte, musste Geduld haben – der Andrang war gross.

Hören, Sehen, Riechen, Fühlen – langweilig wurde es am SND-Stammtisch nicht. Aber moment mal – fehlt da nicht noch ein Sinn? Richtig: Schmecken. Warum blieb dieser Sinn an diesem Abend auf der Strecke? Katharina Stipp von KAMA hatte die Erklärung parat: «Wir hatten ursprünglich auch noch einen Bar Keeper eingeladen. Aber der wurde krank».

Dem Erfolg des Anlasses tat das keinen Abbruch. Es war der perfekte Abend, um wieder mal weit über den eigenen Tellerrand zu schauen. Und es war eindrücklich zu sehen, wie weit man den Begriff «Design» fassen kann. Der Geschmackssinn wurde dann nach den Vorträgen mit dem einen oder anderen Bier befriedigt, bevor man sich durch die dunklen Innenhöfe wieder den Weg in die Berliner Nacht bahnte.

Text und Bilder: Sven Gallinelli @happysven

 

HINWEIS

Der nächste SND-Stammtisch in Berlin findet am 8. Februar statt.
Thema: «Vom Alltag eines Grafikers und Art Directors». Infos: www.snd-dach.de